Jahre lang habe ich mir Gedanken über glatte Beine gemacht. Rasiert, kontrolliert, wieder rasiert. Besonders im Urlaub. Ausgerechnet dann, wenn ich eigentlich nichts vorhaben wollte außer Meer, Sonne und Spaß.
Und dann dieser Moment: mit frisch rasierten Beinen ins Salzwasser.
Aahhh.
Urlaub kann so schön brennen.
Lange habe ich kaum hinterfragt, warum ich das mache. Haare waren da, also mussten sie weg. An den Beinen, unter den Armen, möglichst überall. Das gehörte zum Frausein offenbar dazu: sich regelmäßig um die Beseitigung von Dingen kümmern, die der eigene Körper zuverlässig wieder wachsen lässt.
Erst wollte ich dazugehören
Ich würde gerne erzählen, dass ich eines Tages aus feministischer Überzeugung den Rasierer weggelegt habe. Aber so war es nicht.
Es war wieder ein Trend. Wieder das Bedürfnis, dazuzugehören.
Ich lebte einige Monate auf La Gomera. Wir wohnten auf Segelschiffen und in Höhlen, und in meinem Umfeld waren alle unrasiert. Also ließ auch ich meine Haare wachsen. Was zu Hause selbstverständlich entfernt wurde, durfte dort einfach bleiben. Ich machte mit.
Erst als ich zurückkam, wurde mir bewusst, was sich verändert hatte.
Plötzlich waren meine Haare ein Thema. Bekannte fragten: „Warum?“ Andere reagierten mit Ekel. Ich trug ein Top, hob den Arm und musste offenbar erklären, weshalb dort etwas wuchs, das dort nun einmal wächst.
Hallo. Es sind meine Haare. Keine Würmer, die mir aus dem Arm wachsen.
Auf La Gomera hatte ich dazugehört. Zu Hause fiel ich mit demselben Körper auf. Dieser Unterschied machte mir zum ersten Mal richtig deutlich, wie sehr mein Blick auf mich selbst davon abhing, was die Menschen um mich herum normal fanden.
Da wurde es für mich politisch.
Ich hatte meine Haare nicht aus Protest wachsen lassen. Aber jetzt wollte ich sie auch nicht einfach entfernen, damit andere sich wohler fühlten. Was mit dem Wunsch nach Zugehörigkeit begonnen hatte, wurde zu einer bewussten Entscheidung. Zu einer Stärke und einer Botschaft: Mein Körper darf so aussehen.
Ich fühlte mich frei.
Meine Achselhaare und ich
Das heißt nicht, dass ich meine Haare von Anfang an wunderschön fand. Auch ich hatte diesen Blick gelernt: glatte Achseln sind weiblich und gepflegt, behaarte irgendwie männlich oder eklig.
Aber warum eigentlich männlich? Sie wachsen doch an meinem Frauenkörper.
Es ist schon bemerkenswert, dass mein Körper offenbar erst bearbeitet werden muss, damit er als weiblich genug gilt.
Mit der Zeit veränderte sich mein Blick. Ich gewöhnte mich an meine Achselhaare. Begann, sie zu mögen. Heute kann ich sie schön finden. Dafür musste ich erst einmal lange genug aufhören, sie sofort zu entfernen.
Nach Jahren des abrasierens durfte dieser Teil meines Körpers einfach bleiben. Und ich durfte herausfinden, wie ich ihn selbst finde.
Wer hat entschieden, dass die wegmüssen?
Haarentfernung gibt es schon lange. Die heute vertraute Erwartung an glatte Frauenbeine und haarlose Achseln hat aber eine konkrete Geschichte.
Für die USA lässt sich gut nachvollziehen, wie Mode und Werbung diese Norm verbreiteten. Gillette brachte 1915 einen eigens für Frauen vermarkteten Rasierer heraus. Als ärmellose Kleidung und kürzere Kleider mehr Haut sichtbar machten, nutzte die Werbung das, um Frauen zur Entfernung ihrer Achsel- und Beinhaare anzuhalten.
Mehr sichtbare Haut bedeutete damit auch mehr Körperfläche, um die Frauen sich kümmern sollten. Und mehr Produkte, die sich dafür verkaufen ließen.
Das ist nicht die ganze Geschichte und erklärt nicht jede Gewohnheit in jedem Land. Aber es zeigt, dass unsere Vorstellung vom „normalen“ Frauenkörper gemacht und weitergegeben wird.
In meiner Jugend fühlte es sich an, als würde eine ganze Generation zwischen zwölf und sechzehn anfangen, sich überall zu rasieren. Kaum wuchsen die Haare, lernten wir schon, dass sie unerwünscht waren. Ich erinnere mich kaum daran, dass Nicht-Rasieren als gleichwertige Möglichkeit im Raum stand.
Auch neuere Forschung beschäftigt sich mit solchen Erwartungen: Eine 2024 veröffentlichte Studie untersuchte gesellschaftlichen Druck im Zusammenhang mit der Nutzung kosmetischer Produkte und Verfahren bei erwachsenen Frauen. Haarentfernung gehörte zu den am häufigsten genutzten Praktiken.
Wenn ich also frage, warum ich glatte Beine schöner finde, interessiert mich auch: Welche Beine habe ich mein Leben lang als schön gezeigt bekommen?
Der Ekel der anderen
Besonders irritiert mich, dass abwertende Reaktionen auf meine unrasierten Achseln in meiner Erfahrung häufig von Frauen kommen.
Frauen, die selbst wissen, wie viel Zeit, Geld und Aufmerksamkeit dieses ständige Entfernen kostet. Die vielleicht ebenfalls schon mit brennenden Beinen im Meer standen.
Ich glaube nicht, dass sie sich diesen Maßstab allein ausgedacht haben. Ich kenne ihn ja selbst. Trotzdem macht es einen Unterschied, ob mir etwas ungewohnt vorkommt oder ob ich einer anderen Frau sage, dass ich mich vor ihrem Körper ekle.
Niemand muss meine Achselhaare schön finden. Ich möchte aber ein Top tragen können, ohne dass daraus eine Diskussion über meine Zumutbarkeit wird.
Und manchmal frage ich mich, was eigentlich so sehr stört: die Haare selbst – oder dass eine Frau sichtbar eine Regel nicht befolgt, an die man sich selbst seit Jahren hält?
Was meine Tochter bei mir sehen darf
Seit ich eine Tochter habe, beschäftigt mich das noch einmal anders.
Ich möchte, dass sie einen erwachsenen Frauenkörper mit Haaren sehen kann. Dass sie erlebt: Meine Mutter hebt die Arme, trägt ein Top und geht schwimmen. Sie muss sich dafür nicht erst rasieren.
Wenn meiner Tochter irgendwann selbst Haare wachsen, wünsche ich ihr, dass sie darin nicht sofort einen Fehler entdeckt.
Gleichzeitig soll sie auch mir nichts beweisen müssen. Sie muss ihre Haare nicht für meine politischen Überzeugungen wachsen lassen. Ich möchte ihr keinen neuen Maßstab geben, an dem sie ihren Körper ausrichten soll.
Ich möchte, dass sie entscheiden kann. Und dass sie weiß: Ihre Entscheidung darf sich ändern.
Und wenn ich mich trotzdem rasiere?
Für mich ist das kein Thema, ich finde mich toll mit Haaren. Aber ich habe Freundinnen die sagen mir: Ja,s gibt Tage, an denen ich mich mit glatten Beinen schöner finde.
Und es gibt Tage, an denen sie einfach keine Kraft für Blicke und Kommentare haben. An denen sie sich rasieren, weil sie sich nicht schon wieder erklären möchten.
Meine politische Überzeugung kann gegen den Druck sein, ständig glatt sein zu müssen. Und trotzdem kann ich vor dem Spiegel stehen und zum Rasierer greifen.
Das macht mich nicht zu einer schlechten Feministin.
Ich kann hinterfragen, woher mein Schönheitsempfinden kommt, und es trotzdem empfinden. Ich kann gesellschaftlichen Druck erkennen und ihm manchmal nachgeben. Erkenntnis macht mich nicht unverwundbar.
Natürlich wünsche ich mir, dass unsere Entscheidungen freier werden. Aber dazu gehört für mich auch, aus dem Nicht-Rasieren keine neue Prüfung zu machen.
Ich liebe doch Harmonie und möchte einfach einen entspannten Tag. Ich will nicht bei jedem Sommerkleid meine Belastbarkeit unter Beweis stellen.
Was geblieben ist
Auf La Gomera ließ ich meine Haare wachsen, weil ich dazugehören wollte. Erst zu Hause begann ich, mich bewusst für sie zu entscheiden. Ich lernte etwas über die Erwartungen anderer, meinen eigenen Blick und darüber, wie befreiend es sein kann, eine vermeintliche Selbstverständlichkeit infrage zu stellen.
Was ich meiner Tochter mitgeben möchte: Du musst dich vor dem, was an dir wächst, nicht ekeln. Und du schuldest niemandem glatte Haut.
Manchmal fühlt sich diese Freiheit ganz schlicht an. Ich gehe ins Meer. Meine Beine sind unrasiert. Nichts brennt. Ich schwimme einfach los, schwimmst du mit?